Freitag, April 03, 2009

Wieviel Koerperkontakt und Disziplin brauchen Kinder und Menschen? (dritter Versuch)

Nach einiger Ueberlegung habe ich mich jetzt doch entschlossen meinen Artikel zu veroeffentlichen. Ich freue mich ueber ernstgemeinte Kommentare und eine anregende Diskussion. Und nun werde ich ihn auch noch ein bischen veraendern....

Als Ballett Studentin in China habe ich voller Erstaunen festgestellt, dass ich mit den chinesischen Lehrern trotz der teilweise etwas altmodischen Paedagogik ganz gut klar komme. (Aber da ich nie in Deutschland Ballett gemacht habe, kann ich nicht beurteilen ob der Ballett Unterricht in Deutschland eventuell besser waere?)

Was mir im Ballett Unterricht bei den chinesischen Lehrern auffaellt, ist die Tatsache, dass sie uns oft anfassen, um uns zu korrigieren und obwohl sie uns auch teilweise anschreien und sogar manchmal schlagen, also eigentlich nach europaeischen Gesichtspunkten einen "schlechten Unterricht"machen ist der Unterricht nicht so schlecht wie man auf Anhieb denken koennte und ich frage mich, warum. Liegt es daran, dass Ballett sowieso Freude macht oder ist es, weil die Lehrer eben doch sehr gut sind - trotz ihrer altmodischen Art?

Nun bin ich kein Kind mehr, sondern selber eine Lehrerin (Gitarrenlehrerin) und es bleibt nicht aus, dass ich mir eine Menge Gedanken zum Thema Paedagogik mache. (nee, aber ich wuerde niemals irgendjemanden ernsthaft schlagen und das tun die chinesischen Lehrer ja normalerweise auch nicht.)

Nicht alle Trainer sind gleich, manche etwas strenger, manche schon fast so sanft wie europaeische Lehrer. Witzigerweise ist der strengste Trainer hier auch der beliebteste Lehrer. Seine Klassen sind immer voll.

Trotz seiner lauten Stimme und seiner lockeren Haende versucht er uns doch mit sehr viel Energieaufwand zu trainieren, so dass man eigentlich „danke“ sagen moechte. Schliesslich sind wir hochmotiviert und gerne bereit, unser Bestes zu geben.

Gestern habe ich mich mit einer amerikanischen Mitstudentin unterhalten, die mir erzaehlt hat, dass ein solcher Unterricht in Amerika nicht erlaubt waere. Sie hat sich dabei erstaunlicherweise nicht auf die Schlaege bezogen, sondern auf die Tatsache, dass die Trainer (alle Trainer und Trainerinnen) uns hier staendig mit den Haenden anfassen, um die richtige Muskelanspannung zu kontrollieren. Dabei kann man gerade durch das Angefasst – Werden viel schneller sein Koerpergefuehl verbessern, als wenn man alles selber ausprobieren muesste! Gluecklicherweise sind die Chinesen so frei, dass sie nicht wie die Amerikaner jede Art von Beruehrung gleich als sexuelle Anmache auffassen.

Obwohl die Chinesen als konservativ gelten, sind sie relativ unbefangen, wenn es darum geht, Koerperkontakt mit anderen Menschen herzustellen. Egal ob beim Kleideranprobieren in einem Kaufhaus oder beim Friseur oder eben wie erwaehnt im Unterricht, ist hier das Anfassen eines anderen Menschen durchaus ueblich. Mir kommt das sehr entgegen. Ich habe als Kind mir immer gewuenscht mehr angefasst zu werden (aber nicht geschlagen zu werden:-)) und ausserdem wollte ich auch immer sehr gerne meine Mitschueler und die Lehrer anfassen, bin dafuer aber meistens bestraft worden. In China waere ich als Kind mit Garantie viel gluecklicher gewesen!
(nee, nicht unbedingt....)

Der Punkt ist eigentlich, dass es eben nicht auf das paedagogische System ankommt, sondern auf die einzelnen Lehrerpersoenlichkeiten. Gute Lehrer gibt es in jedem System und schlechte auch. Und es kommt auch darauf an, ob einem ein Fach gefaellt oder nicht: Ballett macht eben einfach immer Spass.

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5 Kommentare:

Am/um 6:40 nachm. , Anonymous the-sun meinte...

Also ich finde das total spannend. Diese faszinierenden Kulturunterschiede, die das Leben so aufregend, aber manchmal auch anstrengend machen.

Und ich finde diesen Artikel gut, und denke auch nicht, dass man da was falsch verstehen kann. :-)

Liebe Grüße in die Ferne, Britta

PS. In Norwegen sind die Menschen meist auch etwas distanzierter, zumindest wenn man sich nicht kennt. Ich denke, der Abstand kommt dem norddeutschen recht nah.

 
Am/um 7:34 nachm. , Blogger dievommond meinte...

Danke fuer Deinen Kommentar! Mir ist es irgendwie peinlich zuzugeben, dass mir der Unterricht in China gefaellt und mir mehr Naehe zwischen den Menschen gut tut. Weiss auch nicht warum. Ich bin jetzt schon soo alt und kann immer noch nicht erwachsen werden....aber was heisst das schon: "erwachsen werden.." busschitt...

 
Am/um 5:06 vorm. , Anonymous the-sun meinte...

Also ganz ehrlich, ich habe hier in N ja viel mit deutschen Handwerkern zu tun. Viele davon sind hier alleine, haben also keine Freundin oder Frau.
Wenn ich welche davon treffe die ich kenne, also von diesen Singles, dann nehme ich die Jungz zum Hallo und Abschied immer in den Arm. Viel mehr als ich das in Deutschland getan hätte.
Einfach weil ich denke, dass hier in N niemand ist, der sie mal in den Arm nimmt.
1999 war ich ein halbes Jahr in DK. In der Zeit hat mich so gut wie niemand angefasst, ich bin bald durchgedreht. Und weil es mir damit damals so schlecht ging, überschreite ich jetzt einfach immer diese Distanz und knuddel die Leute. :-)

Lg, Britta

 
Am/um 1:26 vorm. , Anonymous Wüstenfuchs meinte...

Was heisst schlagen bei deinem Lehrer? Klaps? Fest? Wohin?
Das mit dem Anfassen kann ich sehr gut verstehen. Bei Sportarten, die verstärkt mit genauer Körperbeherrschung zu tun haben, hilft anfassen tatsächlich am meisten (meiner Meinung nach). Ich finde es lächerlich, wenn alles Berühren auf einen sexuelle Ebene gebracht wird. Dadurch wird das Leben erst recht kompliziert und keinem ist gedient. Berühren muss drin liegen. Besser man bringt den Kindern (oder Menschen im allgemeinen) bei, wie man Grenzen zieht und wie man Stopp sagt, als jede "Gefahr"/Berührung auszuschliessen.

 
Am/um 8:31 vorm. , Blogger dievommond meinte...

naja, das nennt sich "Korrekturschlagen". Der schlaegt immer dorthin, wo etwas nicht stimmt. (Arme ,Knie, Fuesse.Ruecken..usw). Das tut normalerweise nicht weh, aber manchmal schon .

 

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